Statement der Freundinnen

29.05.2026, 10:21 Uhr

Wir sind Frauen, die sich Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahren politisiert haben und seither und bis heute in den verschiedensten Projekten, Gruppen und Organisierungen linke Politik machen. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen haben wir selbst, aber auch als gesellschaftliches Gewaltverhältnis erlebt. Der Kampf gegen das Patriarchat, mit all seinen Macht- und Gewaltformen, ist prägend für uns als Individuen mit unserer persönlichen Geschichte, selbstredend aber auch in unserem politischen Handeln und Denken.

Wir sind Frauen, die Henning seit Anfang der 1990er Jahre kennen, in Freundschaften und in Beziehungen mit ihm in dieser Zeit waren und sind, bis heute. Wir kennen Henning als liebenswerten, solidarischen, widerstreitenden, aufrechten Mann; als Freund, als Genossen, der uns in allen Widersprüchen, Schwierigkeiten, Rückschlägen und den wenigen Erfolgen in unseren Kämpfen unterstützt und begleitet hat.

Wir lehnen die Vorwürfe des anonymen, auf Indymedia veröffentlichten und mittlerweile aufverschiedenen Social-Media-Kanälen geteilten Schreibens gegen Henning mit aller Entschiedenheitund aller Entschlossenheit ab. Wir warnen vor der Gefährlichkeit der Wirkung des Textes und den Folgen seiner Weiterverbreitung. Wir haben es hier nicht mit von Henning begangenen Gewaltexzessen gegen eine Frau zu tun, sondern mit einer schwerwiegenden Verleumdung und dem Rufmord seiner Person.

Warum bewerten wir diesen anonymen Post als Verleumdung?

Wir kennen Hennings Geschichte in den gesamten 1990er Jahren. Er war darin unser Wegbegleiter und ist es noch, wir sprechen hier über unsere eigene Geschichte. Manche von uns waren mit ihm über Jahre in Liebesbeziehungen – auch in den besagten 1990er Jahren. Wir alle sind nicht nur miteinander, sondern auch mit vielen anderen Genoss*innen aus dieser Zeit in engem Austausch und sind uns völlig einig: Die beschriebenen Formen der extremen, sexualisierten Gewalt, der Lust am Quälen und Foltern und des Sadismus sind keine Verhaltensmuster, die bei einem Menschen punktuell und einmalig auftreten. In all der Zeit, in der wir Henning kennen, hat keine von uns diese Formen der Gewalt auch nur ansatzweise bei ihm beobachtet oder (mit)erlebt.

Betrachten wir die Anschuldigungen genauer, scheint aber auch der Text in sich widersinnig: Gehen wir einen Moment davon aus, dass die beschriebenen, schweren Gewalttaten gegen eine Frau tatsächlich stimmen. Gehen wir davon aus, dass eine Frau mit einer massiven Kopfverletzung und frischen Brandwunden auf der Intensivstation eingeliefert wird – mit sofortiger Wirkung wären strafrechtliche Maßnahmen eingeleitet worden. Therapeut*innen unterliegen der Meldepflicht, wenn potentiell auch Anderen schwere Gewalttaten von einem Täter drohen. Auch der Verweis auf die Notwendigkeit der Anonymität der schreibenden Person „aus Sicherheitsgründen“ macht keinen Sinn – in einem Fall wie dem beschriebenen würde der Täter doch sein Opfer kennen und wissen, um wen es sich handelt?

Wir sind erschüttert über die Wahl der Mittel, mit dem ein Freund und Genosse persönlich, aber auch beruflich zerstört werden soll.

Damit nicht genug. Was hier zugleich passiert, ist die Instrumentalisierung der Geschichte von Frauen, die tatsächliche sexualisierte Gewalt erfahren haben. In diesem Schreiben wird die reale Gewalt gegen Frauen, die wir als kämpfende, linke Frauen auf allen Ebenen nur zu gut kennen, benutzt als emotionales Schmiermittel, um Empörung und Ausschluss hervorzurufen. Es scheint, als würde ein anonymes, unverifiziertes Schreiben, das von Nazis oder irgendwem geschrieben worden sein könnte, ausreichen, um Menschen dazu zu bringen, ungeprüfte Behauptungen zu glauben und mit einer ungeheuren Wirkmacht weiterzuverbreiten. Dies macht das Leben eines Genossen kaputt.

Wir wissen, dass nicht alle Opfer sexualisierter Gewalt die Kraft haben, sich persönlich der Öffentlichkeit zu stellen wie es so mutige Frauen wie Gisèle Pelicot oder Collien Fernandes getan haben. Wir halten es aber bei anonymisierten, konkreten Vorwürfen für notwendig, dass es Unterstützungsstrukturen gibt, die ansprechbar sind und die die Echtheit der Person beglaubigen können.

So stehen wir hier als echte Personen, wir stehen hier mit unserem Namen ein. Wir sind ansprechbar.

• Wir weisen die Vorwürfe zurück und lehnen die persönliche, politische und berufliche Zerstörung unseres Freundes und Genossen Henning ab.

• Wir kritisieren die Instrumentalisierung von (sexualisierten) Gewaltverhältnissen gegen Frauen, um einem Einzelnen Schaden zuzufügen aufs Schärfste. Sie wird es in Zukunft Opfern sexualisierter Gewalt noch schwerer machen, Gehör und Glauben zu finden.

• Wir fordern alle, die wissen, wer sich solcher Mittel bedient, zur restlosen Aufklärung dieser Verleumdung auf.

Anna, Claudia, Kathi, Kathrin, Sabine, Sophia und weitere Freundinnen

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